Seit 1868: Buchhandlung Hübscher in Bamberg


Ein Blick über 140 bewegte Jahre

Geschichte der Buchhandlung Hübscher am Grünen Markt in Bamberg


von Ursula Kruppa

erstmals erschienen in Heimat Bamberger Land

Abb.1: Buchhandlung Hübscher im Eckhaus am Grünen Markt 2a, im Jahr 1895 noch zusammen mit dem Herrengarderobegeschäft von Carl Schmitt. Foto: A. Erhardt
 
Am 15. Januar 1868 gründete lt. handelsgerichtlicher Eintragung (Nr. A 376 vom 21.04.1868) Carl Hübscher in Bamberg eine Buch-, Kunst-, Musikalien- und Schreibmaterialien-Handlung, die er am 1. Februar desselben Jahres eröffnete. Carl Hübscher, Sohn eines Lehrers, wurde am 28. 04. 1825 in Königshofen im Grabfeldgau geboren. 1853 gründete er in Schleiz/Thüringen die erste Buchhandlung Carl Hübscher. Zur Jahreswende 1867/ 68 verkaufte er diese wegen der Auflösung des dortigen Progymnasiums.


Abb. 2: Anzeige zur Eröffnung der Buchhandlung Hübscher aus dem Jahr 1868.

 
Die Buchhandlung befand sich zuerst im Haus des damaligen Bamberger Bürgermeisters Herd am Kranen. Als dieser es 1870 verkaufte, zog die Firma Carl Hübscher mit in das von Bürgermeister Herd neu erworbene Haus am Grünen Markt 2a. Seit 1870 befand sich das Haus am Grünen Markt im Besitz der Nachfahren des Geheimrats Herd, 1985 ging es in den Besitz der Familien Rössner und Aumüller über.


Carl Hübscher, der Firmengründer, starb am 16.11.1878. Sein Sohn gleichen Namens übernahm das Geschäft. Carl Hübscher jun. wurde am 25.10.1853 in Schleiz/ Thüringen geboren. Dort besuchte er drei Klassen des Progymnasiums, dann die gleiche Schule in Bamberg bis zum Abschluss der 6. Klasse. Er lernte als Buchhändler im väterlichen Geschäft und war nach der Lehre in Leipzig als Buchhandelsgehilfe tätig. Er musste aber sehr bald nach Bamberg zurück, da sein Vater, der jahrelang sehr herzleidend war, ihn nicht entbehren konnte. 47 Jahre leitete Carl Hübscher jun. die Buchhandlung am Grünen Markt. Er konnte sie, obwohl er Protestant war, zur führenden Buchhandlung in Bamberg entwickeln. Er starb am 27. März 1925.


Zu dieser Zeit war sein Schwiegersohn Erich Xylander, verheiratet mit der Tochter Maria, bereits im Geschäft tätig und übernahm nach dem Tod Carl Hübschers die Buchhandlung. Leider war Erich Xylander schon zur Zeit der Geschäftsübernahme schwer krank, so dass er sich nicht im erforderlichen Maße um die Belange der Firma kümmern konnte. Er starb am 10.07.1927.


Die Ära Xylander


Abb. 3: Buchhandlung Hübscher im Eckhaus Grüner Markt 2a hinter dem Gabelmann im Jahr 1956. StadtA BA BS 342 Nr. H4B4 Foto: Schlund
 
Die Witwe Maria Xylander, geb. Hübscher, versuchte in den folgenden Jahren, die Firma ihres Vaters und Großvaters weiterzuführen. Ihren Sohn Armin Xylander, geb. am 30 .03. 1906, der bis dahin in einem landwirtschaftlichen Betrieb tätig war, holte sie zu ihrer Unterstützung ins Geschäft.


Die Lage der Firma wurde so schwierig, dass sie in Konkurs zu gehen drohte. Um diesen abzuwenden, wandte sich Armin Xylander im Jahre 1932 u. a. an Franz Schäder, Inhaber der Hofbuchhandlung Burdach in Dresden. Schäder hatte noch unter dessen Großvater Carl Hübscher jun. eine Lehrzeit in der Bamberger Buchhandlung absolviert. Die Familien Hübscher und Xylander unterhielten seitdem freundschaftlichen Kontakt zu Franz Schäder.


Nachdem Franz Schäder, einer der bedeutendsten Buchhändler Deutschlands, sich durch Armin Xylander von der wirtschaftlichen Lage der Firma hatte unterrichten lassen, empfahl er den Verkauf der Firma, um den guten Namen der Buchhandlung Hübscher erhalten zu können. Die Tatsachen, dass seit Jahren keine Geschäftsbücher geführt worden waren und eine große Anzahl von Verlegerrechnungen unbezahlt lag, dass die Ladenmiete seit drei Jahren überfällig war, brachten Franz Schäder zu dieser Entscheidung.


Franz Schäder wusste, dass Hans-Hugo Kruppa, der Schwiegersohn seines Freundes und Skatbruders Paul Alicke in Dresden, damals einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Antiquare, seit Jahren auf der Suche nach einer geeigneten Buchhandlung war. Aufgrund seiner Erinnerung an die frühere Bedeutung der Buchhandlung Carl Hübscher während seiner Lehrzeit in Bamberg empfahl er den Familien Kruppa und Alicke, die Verbindung mit den Hübscher-Erben aufzunehmen. Daraufhin besuchte Hans-Hugo Kruppa im Juli 1932 im Einvernehmen mit Maria Xylander die Buchhandlung in Bamberg und nahm die Verkaufsverhandlungen auf.


Hans-Hugo Kruppa übernimmt die Buchhandlung Hübscher


Abb. 4 Buchhandlung Hübscher (mit Hans-Hugo Kruppa hinter der Ladentheke) im Jahr 1948. StadtA BA D2020 Nr. 322, 18 Foto: M. Gardill
 
Bereits im Sommer 1928 befand sich Hans-Hugo Kruppa auf einer Geschäftsreise in Bamberg. Bei dieser Gelegenheit besuchte er auch die Buchhandlung Hübscher, ohne zu ahnen, welche Bedeutung diese Firma später für ihn haben würde. Er war sofort von der Schönheit der Stadt angetan und besuchte bereits um 6.00 Uhr in der Früh den Bamberger Dom, um den berühmten Reiter zu besichtigen. Maria Xylander, die dem Kollegen Kruppa die Schönheit Bambergs und das Bamberger Leben zeigen wollte, führte ihn u.a. auch auf den Spezialkeller. Die Erinnerung an diesen ersten Besuch in Bamberg bestärkte Hans-Hugo Kruppa in seinem Beschluss, die Buchhandlung Carl Hübscher käuflich zu erwerben.


Maria Xylander forderte als Kaufsumme RM 25.000.-, um den Verpflichtungen der Firma Carl Hübscher nachkommen und für den Aufbau einer Existenz ihres Sohnes Armin sorgen zu können. Diese Forderung erwies sich als nicht realisierbar. Das Lager war in denkbar schlechten Zustand, total veraltet und im Wert gleich Null. Die Bücher, nach Größen sortiert, waren verschmutzt und teilweise mit einem Pfändungssiegel des Amtsgerichtes versehen. Es gab nur noch einen minimalen Kundenstamm.


Für Hans-Hugo Kruppa erschien daher lediglich ein Firmenwert in Höhe von RM 5.000.- und ein Lagerwert von RM 3.000.- als Verhandlungsbasis diskutabel. Maria Xylander konnte sich den harten Tatsachen nicht verschließen und erklärte sich einverstanden mit einer Kaufsumme von RM 8.000,-ohne Aktiva und Passiva. Am 15. September 1932 übernahm Hans-Hugo Kruppa mit seiner Frau Gertrud, geb. Alicke, die Buchhandlung Carl Hübscher. Hans-Hugo Kruppa wurde am 06. 11. 1899 in Zwickau/Sachsen geboren. Er besuchte die Bürgerschule in Wurzen/Sa. Dort begann er auch 1914 seine Lehre in der Buchhandlung G. Delling sen., die er 1917 abschloss. Im Juni 1917 wurde er Soldat. Nach Abschluss seines Kriegsdienstes trat Hans-Hugo Kruppa im November 1919 eine Stelle als Buchhandelsgehilfe in der Universitätsbuchhandlung Konrad Kloß in Hamburg an. 1921 wechselte er zur Universitätsbuchhandlung Oskar Müller nach Köln. 1922 bis 1924 war er in der Buchhandlung Röpke & Co. in Bremen tätig.


Nach einem dreimonatigen Zwischenspiel als Verlagsvertreter bekam er im Juni 1924 die Stellung als Verlagsleiter der Lehmannschen Verlagsbuchhandlung in Dresden. In der damals in Dresden existierenden Vereinigung junger Buchhändler, Bastei, deren Vorstand er acht Jahre lang war, lernte er seine spätere Frau Gertrud, Tochter des Antiquars Paul Alicke, kennen. Sie heirateten am 2. August 1926.


Agnes Gertrud Alicke wurde am 8. Februar 1901 in Dresden geboren. Nach Abschluss der Bürgerschule lernte sie im väterlichen Geschäft, in dem sie bis zur Übersiedelung nach Bamberg arbeitete. 1932, bei Übernahme der Buchhandlung Carl Hübscher, war die Situation für die Weiterentwicklung der Firma denkbar schlecht. Jedoch innerhalb kürzester Zeit gelang es Hans-Hugo Kruppa und seiner Frau, den alten Ruf der Buchhandlung Carl Hübscher wieder herzustellen und den Umsatz dementsprechend zu steigern. Hans-Hugo Kruppa war zu dieser Zeit als Obmann für die Reichsschrifttumskammer tätig.


Kriegsjahre


Nach Beginn des 2. Weltkrieges wurde die Versorgung mit Büchern schwieriger, so dass die Entwicklung der Firma sehr gehemmt wurde. Trotzdem konnte die schon lange notwendige Erweiterung der Geschäftsräume ermöglicht werden. Die Uhrenhandlung Kirschner, die bis dahin den Eckladen des Hauses Grüner Markt inne hatte, wurde aufgelöst.


Im Juni wurde Kruppa zum Heeresdienst eingezogen, 1941 nach dem Frankreichfeldzug entlassen und 1943 wiederum eingezogen. Bis zum Kriegsende musste er der Firma fernbleiben. Zu allem Unglück wurde die Erweiterung der Geschäftsräume wieder rückgängig gemacht, da im Jahr 1944 das Haus baufällig wurde. Bedingt durch die Zusammenlegung zweier Häuser und die Aufstockung dieses Hauses um ein Stockwerk in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, begann sich die Fassade des Gebäudes zu senken und abzubröckeln. Im Keller musste eine neue Mauer eingezogen und die Fassade mit einer dreifachen Holzstützung versehen werden. Außerdem wurde die Vorderfront zum Grünen Markt bis zur Unterkante des 2. Stockwerkes entfernt, um neu aufgemauert zu werden.


Bei dem im Februar 1945 auf Bamberg erfolgten Bombenangriff erwies sich dieser Umstand allerdings als Glücksfall. Bedingt durch die Abstützung und die offene Vorderfront, konnte das Haus dem Luftdruck der in unmittelbarer Nähe fallenden Bomben standhalten. Bei Kriegsende war der ursprüngliche Zustand des Geschäftes noch nicht wieder hergestellt, und der sich belebende Buchverkauf musste unter den schwierigsten räumlichen Verhältnissen im Hausflur stattfinden.


Hans-Hugo Kruppa befand sich zu dieser Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft in Dänemark. Er kehrte am 3. August 1945 nach Bamberg zurück. Wegen eines anstehenden Entnazifizierungsverfahrens wurde Kruppa im Dezember 1945 interniert und die Firma unter Treuhänderschaft gestellt. Er wurde im Sommer 1946 aus der Haft entlassen. Die Treuhänderschaft wurde allerdings erst unmittelbar vor der Währungsreform 1948 nach Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens aufgehoben. Danach konnte sich Hans-Hugo Kruppa den Belangen der Firma wieder voll und ganz widmen und den im Jahre 1944 begonnenen Umbau zum Abschluss bringen.


Wirtschaftswunder


Abb. 5 Hans-Hugo Kruppa um 1950. Foto: Foto-Bauer
 



Die sich wieder belebende Wirtschaft machte es möglich, den im Jahre 1939 unterbrochenen Aufschwung der Firma fortzusetzen. Bedingt durch die Pläne zur Gründung einer Universität Bamberg, nahm die Buchhandlung auch die Pflege des wissenschaftlichen und des Fachbuches in ihr Programm auf. Daneben wurde die Buchhandlung 1954 auch Betreuungsfirma des Bertelsmann-Leserings.


Am 1. April 1956 trat der älteste Sohn, Hans-Joachim Kruppa, zusammen mit seiner Frau Ursula, geb. Gottschalk, als Mitarbeiter in die Buchhandlung Hübscher ein. Er hatte 1950 am Neuen Gymnasium in Bamberg das Abitur gemacht. Im Oktober 1950 begann er in Marburg in der Universitäts-Buchhandlung N. G. Elwert seine Buchhändlerlehre. Nach Absolvierung der Deutschen Buchhändlerschule in Köln und nach Ablegung der Gehilfenprüfung im Sommer 1952 trat er, nach einer halbjährigen Tätigkeit in der väterlichen Firma, eine Stellung als Buchhandelsgehilfe in der Buchhandlung Schrobsdorf in Düsseldorf an. Ab Frühjahr 1954 arbeitete er in der Buchhandlung G.D. Baedeker in Essen, um sich dort zum Fachbuchhändler auszubilden. In dieser Buchhandlung lernte er auch seine Frau Ursula kennen, die dort als Buchhändlerin beschäftigt war.


Im Jahre 1958 wurde es durch einen Umbau möglich, die Räume des 1. Stockes geschäftlich zu nutzen. Es wurde dort eine Lesering-Bücherstube eingerichtet und eine umfangreiche Schallplattenabteilung angegliedert. Entsprechend der allgemeinen Entwicklung im deutschen Buchhandel wurde das Angebot stark erweitert, so z.B. durch die explosionsartige Ausdehnung des Taschenbuch-Angebotes. Schon bald wurden die Geschäftsräume wieder zu klein. Im Sommer 1972 konnte mit einem weiteren Umbau der Geschäftsräume begonnen werden. Nach Plänen des jüngeren Sohnes Dietrich Kruppa wurden zwei Zwischengeschosse und eine Treppenanlage eingebaut. Als Folge dieser Maßnahme war ein beträchtlicher Umsatzzuwachs zu verzeichnen.


Das digitale Zeitalter


Abb. 6: Innenräume der Buchhandlung Hübscher nach der Umgestaltung 1972. Foto: H.-J. Kruppa
 
Hans-Hugo Kruppa verstarb am 10. Januar 1975, danach übernahm sein Sohn Hans-Joachim die Firma. 1977 begann bei Hübscher in Bamberg das technische Zeitalter. Hans-Joachim Kruppa entwickelte in Zusammenarbeit mit IBM ein Pilotprojekt für EDV im Buchhandel. Als erste deutsche Buchhandlung brachte Bücher-Hübscher es fertig, die lästige Verwaltungsarbeit vom Kollegen Computer ausführen zu lassen, die Lagerhaltung transparent zu machen und Kundenbestellungen in kürzester Zeit und effektiv abzuwickeln.


Ein neuer Start in die Zukunft


Im Jahr 1987 erkrankte Hans-Joachim Kruppa so schwer, dass er sich nicht mehr in ausreichendem Maße um die Belange der Firma kümmern konnte. Die Kostensituation im Buchhandel verschlechterte sich, so auch bei Hübscher. Nach langem Zögern und reiflicher Überlegung wurde 1992 ein Käufer für die Buchhandlung gesucht. Die Firma war 125 Jahre alt und sollte unbedingt als Bamberger Buchhandlung erhalten bleiben. Es gelang, in Anne Haala, Buchhändlerin in Lauf, und Michael Genniges, Buchhändler in Roth, Käufer zu finden, deren Einsatz versprach, die Buchhandlung zu alter Größe zurückzuführen.


Abb. 7: In 140 Jahren vom Schreibmaterialienhändler zum modernen Buch- und Medienhaus